Immer häufiger liest man, dass man Räume öffnen soll, um Entwicklungen zu ermöglichen. «Horizontal führen» nennt das Adriaan Bekman in seinem gleichnamigen Buch. Doch die Frage ist: «Was ist Raum öffnen für ein Vorgang?» Es ist ein Vorgang in deinem Bewusstsein. Es geht um ein präsent werden im Raum. Wie wir sehen werden, ist das eine fortgeschrittene Form von Delegation.

Wir reden also nicht von Äusserlichkeiten wie Ziele und Massnahmen formulieren, Projektteams bilden, Sitzungen anberaumen oder Berater engagieren.Ich betrachte «den Raum halten» für ein Team, eine Unternehmung etc. als einen innerlichen Vorgang. Das findet nicht auf der Verstandesebene, sondern auf der Herzensebene statt und ist zudem mit einer Intension verknüpft.

Wichtig ist, dass drei Phasen unterschieden werden: Den Raum öffnen, den Raum halten und den Raum wieder schliessen. Diese drei Phasen betrachte ich als einen Schöpfungsprozess, analog der Hindu-Trinität (Brahma als Schöpfer, Vishnu als Erhalter und Shiva als Zerstörer).

Räume öffnen, halten und schliessen ist letztlich nichts anderes als die Steuerung der Aufmerksamkeit. Es gibt in deinem Leben fast nichts Wichtigeres, als deine Aufmerksamkeit zu steuern. Menschen, die ihre Aufmerksamkeit nicht richtig steuern, erreichen ihre Visionen nicht, weil sie die Aufmerksamkeit auf vieles richten statt auf weniges. Damit wird die Energie auf vieles aufgesplittert (merke: Energie folgt der Aufmerksamkeit) und verliert damit ihre Wirkung und Durchschlagskraft. Menschen mit einem hohen Bewusstsein können viel grössere Räume halten als Unbewusste: Ihre Präsenz im Raum ist stärker. Deshalb lohnt es sich, an der Entfaltung seines Bewusstseins zu arbeiten, damit man die ordnende Kraft des Bewusstseins für eine bessere Welt einsetzen kann.

Vor diesem Hintergrund machen auch die einleitend formulierten Sätze Sinn. Menschen, die an einem Feuerlauf teilnehmen, verbrennen sich die Füsse, wenn der/die Leitende das Bewusstsein nicht hat, um den Raum zu halten, oder während des Laufs nicht bei der Sache ist, d.h. die Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtet, nicht präsent ist. Die gleichen Effekte sehen wir auch bei Organisationen: anstelle von «Füsse verbrennen» tritt das Nichterreichen von erwarteten Zielen. Hier liegt auch der tiefere Grund, warum viele selbstführende Organisationen, die von Laloux in seinem Buch «Reinventing Organizations» eingehend besprochen wurden, heute auf gewöhnliche Organisationsformen zurückgefallen sind. Bei der Nachfolge des Spriritus Rector, der die selbstführende Organisation geschaffen hat, wurde keine entsprechend bewusste Persönlichkeit gefunden, welche in der Lage gewesen wäre, den Raum für die selbstführende Organisation weiter zu halten. Die Herausforderungen an dieses Raumhalten werden noch grösser, wenn ein Eigentümerwechsel stattfindet oder ein Unternehmen gar an die Börse geht. Raumhalten heisst nämlich auch, den aufgespannten Raum gegen die vielen Einflüsse und Interventionen von aussen zu halten. Der aufgespannte Raum erlaubt der Organisation, sich im Sinne der Intension zu entfalten. Man kann den Vorgang auch als eine fortgeschrittene Form von Delegation bezeichnen. 

Den Raum öffnen

Machen wir dazu ein Beispiel. Du bist Leiter eines Teams und möchtest für dieses den Raum für eine dynamischere Entwicklung öffnen. Der Raum umfasst das Team (eingebettet in eine grössere Organisation). Wenn das Team gemeinsam in einem Büro sitzt, kannst du dir diesen Büroraum mit dem Team vorstellen. Führst du ein virtuelles Team, so stellst du dir das Setting deines Büros mit den Aussenbüros und den Teammitgliedern vor. Der nächste Schritt ist deine Intension. Frage dich, was du mit deinem Team gerne erreichen möchtest. Beispiele:

  • Ich eröffne einen Raum, der es dem Team ermöglicht, das Projekt xy der Konzernleitung innovativ und fristgerecht abzuschliessen.
  • Ich eröffne einen Raum, der es meinen Teammitgliedern ermöglicht, alle Erfahrungen machen zu können, damit die Aufgabenerledigung in Eigenverantwortung und Zusammenarbeit auf Herzensebene erfolgen kann.

Die erste Formulierung hat die Absicht, eine konkrete Aufgabe zeitgerecht und gut erledigen zu können. Bei der zweiten Formulierung geht es in Richtung Kulturentwicklung. Man kann die Intensionen auch kombinieren. Du kannst deine Intension auch zeitlich limitieren. Insgesamt sollte sie knapp und klar formuliert sein.

Mit welchem Prozess eröffnest du nun den Raum, nachdem du bestimmt hast, mit wem und mit welcher Intension du ihn öffnen willst? Hier ein Vorschlag:

  • Schliesse deine Augen.
  • Atme zwei bis drei Mal tief ein und aus und entspanne dich.
  • Beobachte eine Weile deinen Atem, bis du ruhig geworden bist.
  • Verbinde dich mit deinem Herzen in deiner Brust, indem du deine Aufmerksamkeit eine Weile dort hälst. Eine Hand auf diesen Bereich legen hilft dabei.
  • Stelle dir vor deinem geistigen Auge nun den Raum mit dem Team vor, in welchem deine Intension stattfinden soll. Begehe den Raum, schreite ihn ab.
  • Hole nun die Intension dazu und sprich diese innerlich mit festem Willen aus. Lass den Raum mit der Intension verschmelzen – sie gehören zusammen.
  • Halte diesen Zustand ca. eine Minute lang.
  • Atme zwei bis drei Mal tief ein und aus und öffne deine Augen.

Damit ist der Raum eröffnet und bereit. Du teilst diese Raumöffnung nicht mit deinem Team. Ruf sie dir ab und zu in Erinnerung, sie sollte in dir präsent sein.[1] 

Den Raum halten

Du bist mit deinem Bewusstsein in dem von dir geschaffenen Raum präsent, auch wenn du irgendwo auf der Welt bist. Präsent sein heisst, dass deine (innere) Aufmerksamkeit im geöffneten Raum ist. Und da Energie der Aufmerksamkeit folgt, ist auch Energie von dir in diesem Raum und hält diesen für dein Team.

Natürlich zeigst du auch physische Präsenz. Bereite dich dazu innerlich vor:

  • Nimm dir vor dem Meeting einige Minuten Zeit.
  • Lass alle Herausforderungen, die dich gerade begleiten, los, indem du diese kräftig ausatmest.
  • Beobachte eine kurze Zeit lang deinen Atem.
  • Dann hole den Raum und die Intension, die du gesetzt hast, in dein Bewusstsein und verbinde dich aus dem Herzen heraus damit.
  • Mit dieser inneren Haltung gehst du in das Meeting.

Wie du dich in diesem Meeting nun genau verhälst, hängt vom Thema und der Rolle, die du in der Vergangenheit wahrgenommen hast, ab. Grundsätzlich gibt es ein ganzes Spektrum von Optionen, wovon ich nur zwei Extreme beschreibe. Du leitest das Meeting als Vorgesetzter des Teams aus deiner vollen Präsenz heraus. Oder du setzt dich in den Hintergrund und bist mit deiner vollen Präsenz der Beobachter des Meetings. Das Team spürt deine ordnende Präsenz und wird sich damit besser entfalten können. Eine weitere Möglichkeit beinhaltet, dass du das Team alleine arbeiten lässt und in deinem Büro bleibst. Du gehst während des Meetings einige Male mit deinem Bewusstsein zu deinem Team und begleitest es dabei wenige Minuten. Probiere dieses Raumhalten in verschiedenen Varianten aus und ziehe ein Fazit. Auf jeden Fall ist es eine gute Methode, um Schritt für Schritt mehr an das Team zu delegieren und ihm damit mehr Entfaltung als Gesamtes und jedes einzelnen Teammitgliedes zu ermöglichen.

Den Raum schliessen

Folgende Anlässe können dazu führen, dass du den Raum schliessen möchtest:

  • Du übernimmst eine ganz andere Aufgabe im Rahmen der Organisation.
  • Die Intension ist erfüllt.
  • Die Organisationseinheit wird aufgelöst.

Je nach Situation schliesst du den Raum und damit hat es sich, oder du eröffnest einen neuen Raum für die gleiche Organisationseinheit mit einer anderen Intension. Für das Schliessen des Raumes kannst du wie folgt vorgehen:

  • Schliesse deine Augen.
  • Beobachte eine Weile deinen Atem.
  • Verbinde dich mit deinem Herzen in deiner Brust, indem du deine Aufmerksamkeit eine Weile dort hälst. Eine Hand auf diesen Bereich legen hilft dabei.
  • Hole nun den bei der Eröffnung geschaffenen Raum mitsamt der Intension vor dein geistiges Auge.
  • Putze mit einem Lappen dieses Bild weg und sage drei Mal: «Der Raum mit dieser Intension für die Organisationseinheit ist gelöscht.»
  • Atme zwei bis drei Mal tief ein und aus und öffne wieder die Augen.

Damit ist der Raum geschlossen. Wenn du für diese Organisationseinheit einen neuen Raum eröffnen möchtest, gehe vor wie weiter oben beschrieben.

 

 

[1] Du kannst den Prozess ab und zu wiederholen, wenn du es für erforderlich hälst.